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Interview mit der Comic-Autorin & -Zeichnerin Claudya Schmidt aka “AlectorFencer”

Interview mit der Comic-Autorin & -Zeichnerin Claudya Schmidt aka “AlectorFencer”

Comics und Graphic Novels sind in Deutschland vermutlich immer noch eher “nischig”, verglichen mit Comic-Märkten anderer Länder wie beispielsweise in Frankreich oder Japan. Aber dennoch erfreuen sie sich auch hierzulande einigermaßen großer Beliebtheit. Viele deutsche Verlage wie z.B. Panini, Carlsen, Egmont, Cross Cult oder aber auch Splitter sind zumindest für Comic-Fans nicht mehr wegzudenken, genau wie viele Comic-Autor*innen bzw. Zeichner*innen. Menschen, die sich aber generell bisher noch von Comics ferngehalten haben, werden häufig eines der folgenden Vorurteile zu Comics als Grund dafür nennen: Beispielsweise dass es sich nur um Kindergeschichten handelt, sie oberflächlich ohne Tiefgang wären und wenn es etwas actionreicher wird, dann sind immer Superhelden im Mittelpunkt. Eifrige Comiclesende werden jetzt vermutlich zu Recht die Augen verdrehen, denn sie wissen: Comics und Graphic Novels sind weit mehr, als man auf den ersten Blick denken könnte. Es gibt so viele verschiedene Genres und spezielle Stile, was teilweise auch auf ihre Herkunft zurückzuführen ist. So zum Beispiel die Mangas, welche aus dem asiatischen Raum stammen. Comics sind eine eigene Kunstform, die Literatur und bildende Kunst vereint. Dadurch wird es möglich, ähnlich wie beim Film, Geschichten bildlich darzustellen, Emotionen, Charakterzeichnung etc. direkten Ausdruck zu verleihen, aber auch die Welt, in der die Geschichten spielen. Dies können beispielsweise vielschichtige, mitreißende und spannende Science-Fiction-Werke sein oder aber auch traumhafte und tiefgründige Fantasy-Geschichten. Egal welches Genre es bedienen mag: Sie entführen die Leserschaft ebenso gut in andere Welten wie gut geschriebene Romane. Für manche Lesenden ist es sogar einfacher, mit einer optischen Führung, andere wiederum bevorzugen es, dass sie sich - völlig losgelöst - die Geschichten selbst vorstellen können. Das obliegt jedem selbst, macht aber nicht das eine Werk besser als das andere. Wen es übrigens interessiert und es genau wissen möchte, wie der Comic-Markt bis 2032 weltweit aussehen könnte, kann dies im folgenden Bericht von Fortune Business Insights nachlesen.

Ich selbst würde mich als relativ großen Comic-Fan bezeichnen. Ich liebe es, mich in den Zeichnungen zu verlieren. Deshalb sind mir Werke mit entsprechend herausragender Qualität wichtig. Selbstverständlich zieren dabei auch Superhelden-Geschichten von DC und Marvel mein Bücherregal, aber auch etliche Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten, die es auf besondere Weise verstehen, die Leserschaft in den Bann zu ziehen und in eine eigene Welt zu entführen.

Ein ganz besonderes Exemplar meines Bücherregals stellt die Graphic Novel “Myre” dar, die von der deutschen Comic-Autorin/Zeichnerin Claudya Schmidt aka AlectorFencer stammt. Kaum ein anderer Comic kann mit der Qualität ihrer Zeichnungen mithalten. Was man hier gezeigt bekommt, auf jeder Seite, in jedem einzelnen Panel, wäre würdig als Poster Wände zu zieren. Wenn ihr euch da mal einen genaueren Blick gönnen wollt, was ich von dem ersten Teil von Myre (in der deutschen Fassung in zwei Bänden aufgeteilt und beim Splitter-Verlag erschienen) hielt und wie sehr es mich beeindruckt hatte: Hier meine Review dazu.

Myre Vol. 1 - Review

 

Inzwischen ist aber schon der zweite Teil erschienen und ich hatte die Gelegenheit der Schöpferin dieser wundervollen Welt Yria, in der “Myre” spielt, einige Fragen zu stellen in einem überaus spannenden Interview.

Claudya Schmidt aka AlectorFencer
Nerderleis Interview-Partnerin

Claudya Schmidt aka AlectorFencer

Sie ist eine professionelle Künstlerin und Grafikdesignerin, aus Berlin.

Ihre Leidenschaft für Kunst begann schon in frühen Jahren mit verschiedenen Farben, Mustern und der Darstellung ihrer Umgebung. Im Laufe der Zeit wurde sie auf DeviantArt und anderen Kunstseiten im Internet für ihren unverwechselbaren Fantasy-Stil bekannt. Seit ihrem Erfolg mit Ihrem Erstlingswerk "Myre", das ihr u.a. den Rudolph Dirks Award für die Besten Zeichnungen aus Deutschland bescherte, wird sie sicherlich auch in der Comic-Szene einen Ruf wie Donnerhall innehaben. 

Du willst mehr wissen?

Hier die bisher veröffentlichten Comics bzw. Graphic Novels von Claudya Schmidt aka AlectorFencer jeweils in der deutschen Fassung, erhältlich u.a. beim Splitter Verlag oder der Buchhandlung eures Vertrauens oder Online-Händlern wie beispielsweise Amazon. Ich habe mal die Links direkt zum Verlag selbst gewählt.

Interview mit der Schöpferin der ausgezeichneten Graphic Novel “Myre”: Claudya Schmidt aka AlectorFencer

Hallo Claudya, vielen Dank für die Möglichkeit dieses Interviews. Ich persönlich bin ja tatsächlich Fan von Myre 1 an, auch wenn ich tatsächlich erst ab der deutschen Splitter Fassung dein Werk entdeckt habe. Deine Erzählweise und dein Zeichenstil sind aber auch der absolute Hammer, wirklich, und ich meine auch in dieser Art einzigartig. Hat mich jedenfalls schon damals wirklich begeistert. Ich würde jedem Menschen, der auch nur im Ansatz einen Sinn für Ästhetik, Kunst, Grafik und Comics/Graphic Novels hat, deine Werke empfehlen. Auch ganz großartig ist ja auch deine Graphic Novel “Haunter of Dreams”, was weitestgehend sogar ohne Dialoge auskommt - und trotzdem super funktioniert - und in dem eine spannende und mitreißende Geschichte erzählt wird, rein nur durch visuelles Storytelling. Und das muss man erstmal schaffen. Der Hammer!

Ich schätze mal, du hast aktuell wirklich viel um die Ohren. Gerade erst hast du den zweiten Teil deiner fantastischen Myre Graphic Novel Reihe im Eigenverlag (englische Version) herausgebracht & versendet, dann stand direkt schon die deutsche Übersetzung mit dem Splitter Verlag an, einige von der Presse etc. haben ebenfalls um Interviews mit dir gebeten (u.a. der Tagesspiegel oder DER COMICtalk) und vor Kurzem hast du auch einige Tage auf der Leipziger Buchmesse verbracht und u.a. auch Autogramme gegeben. Das muss gerade eine echt aufregende Zeit für dich sein.

Du hast freundlicherweise etwas Zeit freigeschaufelt, damit dieses Interview hier auf Nerderlei stattfinden konnte. Dafür bin ich wirklich unglaublich dankbar und weiß das sehr zu schätzen. Aber dann wollen wir mal direkt damit starten…

Erstmal: Jetzt wo vermutlich vieles in “trockenen Tüchern” sein wird, wie geht es dir nach diesem sicherlich sehr großen und anstrengenden Projekt? Kannst du jetzt etwas durchatmen, oder ist immer noch recht viel los bei dir?

Nachdem ich die Druckdaten abgeschickt hatte, ging es direkt an die Versandvorbereitung. Das war ein riesiges Projekt für sich: Mehrere Hundert Bestellungen mussten versandfertig gemacht werden. Viele Bücher waren stark personalisiert und erhielten individuelle Zeichnungen. Ich habe sogar noch ein Foto von meiner Wohnung, in der sich stapelweise verpackte Bücher türmten. Fantastisch und zugleich etwas beängstigend! Parallel liefen andere Projekte und die Druckvorbereitung für die deutsche Ausgabe beim SPLITTER-Verlag.

Momentan arbeite ich an den letzten großen Perks meiner Crowdfunding-Kampagne: Vollformatige Illustrationen in einer Handvoll Büchern, gestaltet im Stil der historischen Aufzeichnungen Yrias, in denen die Unterstützer ihre eigenen Charaktere verewigt bekommen.

An der Kampagne gibt es noch einiges zu tun, aber der Produktionsdruck Ende letzten und Anfang diesen Jahres hat mich ziemlich ausgelaugt. Ich höre deshalb auf meinen Körper und nehme mir die nötige Zeit. Ganz ohne Pause geht es zwar nie, aber Stillstand wäre auch nichts für mich. :)

Wie war denn die Leipziger Buchmesse für dich? Welche Eindrücke hast du für dich so sammeln können? Du hattest ja, glaub ich, gerade zu der Zeit auch deinen Geburtstag (nachträglich da noch alles Gute). Konntest du ihn evtl. dann dort etwas feiern? 

Vielen Dank für deine nachträglichen Glückwünsche! Vor der Leipziger Buchmesse war ich ziemlich aufgeregt, aber zum Glück hatte ich meine Mutter Lilian und meine Partnerin Maja dabei. Das SPLITTER-Team war unglaublich großzügig und hat es möglich gemacht, dass beide mich begleiten konnten. Seit 2020 war ich fast durchgehend mit Myre und vielen anderen einschneidenden Ereignissen beschäftigt. Umso schöner war es, endlich die kreativen und humorvollen Köpfe von SPLITTER wiederzusehen. Die Buchmesse wurde nach dem Stress des letzten Jahres zu einem echten Lichtblick für meine Kreativität und für den Austausch mit den Leserinnen und Lesern.

Vor Ort konnte ich direkt mit meinem Publikum sprechen und frei zeichnen. Das tat richtig gut. Die Messe war so überlaufen, dass ich meinen Geburtstag zunächst gar nicht erwähnt habe. Meine Mutter hat heimlich dem Verlagsteam Bescheid gesagt, und alle haben eine kleine Geburtstagsfeier mit lieben Geschenken organisiert. Ich war total gerührt.

Nach Jahren intensiver Arbeit und wenig Ausgehen fühlte sich die Leipziger Buchmesse dank dieser wunderbaren Menschen wie der perfekte Abschluss des neuen Myre-Bandes an. Davor wirkte alles eher abstrakt und ich rutschte in einen Artblock. Das ist, wenn sich zu viele Ideen mit zu wenig Energie überlagern und man nicht weiß, wo man anfangen soll. So etwas kann schnell in eine Depression kippen, wenn man keine Lösung findet. Die Messe hat diesen Knoten für mich gelöst, und dafür bin ich sehr dankbar.

 

Anmerkung der Redaktion: So ein Artblock muss wirklich schwierig zu bewältigen sein, umso schöner dass es tolle Menschen in deinem Leben gibt, die dich auffangen können und so die Blockade bereits lösen konnten! Falls jemand hier drüber stolpert, dem es gerade ähnlich geht und ebenfalls gerade einen Artblock hat: Nach kurzer Recherche bin ich auf viele verschiedene Wege gestoßen, wie man so eine Blockade lösen könnte - allerdings sollte sich jeder da vermutlich einen individuell passenden Weg suchen. Ein paar Inspirationen kann man aber vielleicht hier finden: https://www.youtube.com/watch?v=_LCEqleukQo (Random gefundenes Video zum Thema). Ich wünsche jedenfalls jedem, dem es so geht, dass diese Blockaden gelöst werden können. Viel Glück und Erfolg dabei.

Wenn man die Liste von Zeichner*innen bzw. Szenarist*innen im deutschsprachigen Raum auf Wikipedia so durchscrollt, fällt auf, dass es zwar mehr als erwartet, aber doch im Verhältnis weniger weibliche als männliche Namen gibt. Spürt man das selbst als Comiczeichnerin/-autorin? Ist es vllt schwerer Fuß zu fassen? Was sind da so deine Erfahrungen? Hat sich da vllt auch einiges in den letzten Jahren verändert, vllt sogar verbessert?

Ich denke, dass Social Media und Online-Portale die Barrieren für Künstler*innen stark gesenkt haben und dadurch mehr Diversität in der Comicwelt entstanden ist. Es gibt viele weibliche Indie-Comic-Künstlerinnen, die entweder unter dem Radar bleiben, weil sie in kleinerem Umfang produzieren oder noch im Aufbau ihrer Community stecken.

Früher war die Comicbranche überwiegend ja männlich geprägt und über Jahrzehnte hinweg haben sich Netzwerke gebildet, in denen große, meist männliche Namen seit den 1950ern untereinander bestens vernetzt sind und der Einstieg in die Verlage wahrscheinlich eher begrenzt war.

Heute können sich Künstlerinnen dank Social-Media-Plattformen eine eigene Reichweite aufbauen und somit eine bessere Chance bekommen, von Verlagen gesehen zu werden...auch wenn das bei der Fülle an Inhalten nicht immer leicht ist. Crowdfunding-Kampagnen ermöglichen Indie-Künstlerinnen, ihre Comic- und Kunstideen unabhängig zu finanzieren und bekannt zu machen. Klischees bestehen jedoch weiterhin: Frauen schreiben angeblich nur Romane, Männer entwerfen Actionfiguren und Comics mit Superhelden.

Schön zu sehen ist aber, dass immer mehr Frauen das Medium für sich entdecken und eigene Geschichten entwickeln. Online-Networking ist dabei sehr wertvoll, denn Inspiration schafft Vielfalt.

In meiner eigenen Karriere habe ich solche Grenzen kaum gespürt: Fantasy und Kreaturen sprechen alle Geschlechter an, und dieses Genre hat eine breit gefächerte Community. Außerdem habe ich ein großes Netzwerk an Freund*innen und Kolleg*innen, die queer sind. Das erweitert den künstlerischen Geschmack noch einmal erheblich und macht die Szene bunter.

Wie sieht dein Alltag so aus, wenn du so ein großes Projekt wie Myre am Laufen hast (also aus künstlerischer/professioneller Sicht)? Wie kann man sich z.B. einen Tag oder eine Woche oder so in deinem Leben so vorstellen während einer aktiven Projektphase?

In der aktiven Projektphase – ich nenne sie immer meine Crunch-Phase – halte ich mich an einen sehr strikten, durchgetakteten Tagesablauf. Natürlich gibt es Aufgaben außerhalb des Projekts, die manchmal dazwischenfunken, aber mit der festen Zeiteinteilung kann ich gut einschätzen, welche Mengen ich täglich schaffe.

Momentan stecke ich nicht in dieser Phase, werde mich aber bald wieder in diese Komfortzone begeben, weil sie mich auf ihre Weise erfüllt. An solchen Tagen stehe ich gegen 5:00 Uhr auf und habe eine kurze Morgenroutine von etwa einer Stunde: Frühstücken, E-Mails abarbeiten und dann direkt an den Arbeitsplatz. Von dort aus arbeite ich meist bis etwa 12:00 Uhr. Ich habe so immer einen guten Start, weil ich morgens sehr viel Energie in meine Projekte stecken kann.

Nach der Mittagspause, die üblicherweise ein bis zwei Stunden dauert, geht es fokussiert weiter bis 17:00 Uhr. Anschließend bin ich für etwa zwei Stunden im Fitnessstudio. Je nachdem, ob ich an diesem Tag eine Seite abgeschlossen habe oder nicht, gönne ich mir den freien Abend oder setze mich noch einmal bis etwa 23:00 Uhr an die Arbeit.

Mir ist bewusst, dass dieser Rhythmus alles andere als normal ist. Ich musste jedoch so konsequent anziehen, weil dramatische Ereignisse und einige unglückliche Entscheidungen in meinem Leben den Fortschritt bei Myre immer wieder ausgebremst haben. Eigentlich war geplant, den neuen Band schon 2023 zu veröffentlichen, doch der Prozess verzögerte sich kontinuierlich, was mich letztendlich fast zum Burnout gebracht hat.

 

Anmerkung der Redaktion: Das Leben ist immer unberechenbar. Es hält sich nicht an Regeln oder Planungen, immer kommt mal etwas dazwischen. Ich finde, wir Menschen sollten da lockerer werden und einander den Freiraum lassen, den es eben braucht. Man sollte sich nicht zwingen müssen, wenn es gerade eben nicht geht. Burnout ist etwas, das ich wirklich niemandem wünsche, aber entsteht vermutlich leider sehr leicht durch genau solche Situationen. Sollten Leser*innen daran leiden oder kurz davor stehen Burnout zu bekommen, zieht rechtzeitig die Reißleine, nehmt euch eine Auszeit oder ggfl medizinische/professionelle Hilfe in Anspruch.

Vermutlich können selten alle Ideen im Endprodukt einer Graphic Novel wirklich übernommen werden. Musstest du evtl bei der Entwicklung von Myre 2 auf teilweise ausgearbeitete oder erdachte Storyparts verzichten, weil sie nicht mehr reingepasst hätten, weil die Seitenzahl zu viel geworden wäre oder Ähnliches? Wenn ja, kannst du uns einen kurzen Abriss davon geben, was uns Fans entgangen sein könnte? Oder spoilert das vllt etwas aus dem nächsten Band?

Es gibt sehr viele Storyparts und sogar Charaktere, die vom Design und ihrer eigenen Geschichte zwar interessant sind, aber leider gehen mussten. Für MYRE 2 (auf Deutsch Myre 3 & 4) habe ich sogar ein ganzes Kapitel verworfen und zusammen mit meinem Co-Autor Nico Janssen neu geschrieben. Das Problem bei so einem Umfang eines Comics ist nämlich, dass er exponentiell ausufert, je mehr Charaktere eingebaut werden.

Ich wollte den Fokus weiter auf Myres Geschichte legen, anstatt neue Charaktere einzuführen, die eventuell zu viele neue Handlungen aufwerfen. Das hat die Geschichte um ein Vielfaches verbessert, weil Myre dadurch mehr Wachstum in ihrer Persönlichkeit erfahren kann. Den Fans entgeht jedoch zum Glück nichts, denn ich habe so unendlich viele Ideen fürs Worldbuilding. In Zukunft möchte ich auch mehr Character Designs und einzelne Illustrationen mit knappen Kurzgeschichten entwerfen. So haben die Leser*Innen mehr Einblick in die Welt und können sich sogar mit einbinden. Ich liebe es, wenn Fans Fragen zu bestimmten Aspekten stellen.

Apropos nächster Band: Myre 2 (ich hoffe, das ist nun kein Spoiler) endet mit einem fiesen, aber sehr spannenden Cliffhanger. Hast du bereits Pläne wie es weitergehen wird mit Myre 3?

Absolut! Ich neige dazu, fiese Cliffhanger zu kreieren. Das gibt mir immer einen Push, nicht aufzuhören, und verärgert hoffentlich die LeserInnen nicht zu sehr. Den einzigen Spoiler, den ich für den letzten Band schon mal geben kann, ist, dass das Ende keinen Cliffhanger haben wird und hoffentlich perfekt abgerundet ist.

Es ist eine große Challenge, so eine riesige Geschichte in drei Bände zu packen. Aber ich bin guter Dinge. :)

Für die Herausgabe und den Vertrieb der deutschen Fassung der Graphic Novel hast du den Splitter Verlag als Kooperationspartner. Sowohl bei Band 1, als auch jetzt bei Band 2, wurden dabei die Bücher jeweils in 2 Teile geteilt, so dass es letztlich aktuell 4 Bücher geben wird in der deutschen Fassung. Denkst du das bereits bei der Entwicklung der englischen Fassung mit, so dass du genau weißt, hier wird nachher der Cut sein, also so nach dem Cliffhanger-Prinzip? Oder entscheidest du das erst später ad hoc?

Beim ersten Band hatte ich noch keine Ahnung, dass SPLITTER eine Aufteilung möchte. Aber weil ich im Prinzip immer alles in kleine „Kapitel“ aufteile, die ungefähr 10–14 Seiten lang sind, hatten wir zum Glück kein großes Problem damit, immer wieder Cliffhanger mit einzubauen. Beim zweiten Band in der Originalfassung habe ich schon ein bisschen mitgedacht.

Allerdings ist die Story hier wesentlich länger und facettenreicher, sodass ich zunächst Sorge hatte, beim ersten Teil von Band 2 für die deutsche Fassung keinen guten Schnitt hinzubekommen. Zum Glück war die Story zu einem perfekten Zeitpunkt angesetzt, sodass ich auch hier einen starken Cliffhanger unterbringen konnte. Dafür habe ich eine Seite nochmal neu angelegt, um eine dramatische Wirkung zu erzielen, ohne viel wegzunehmen.

Gibt es einen speziellen Grund, warum du anthropomorphe Charaktere (Furry) gewählt hast für Myre und war für die Protagonistin Myre von Anfang an klar, dass sie eine Füchsin ist, oder vielleicht erst eine andere Tierform? Hast du vielleicht erst mehrere ausprobiert, welche am besten passt?

Anthropomorphe Charaktere geben mir gefühlt viel mehr Freiraum, mit Formen und Farben zu spielen. Ich kann auch mehrere Tiere als Referenz nehmen und lustige Witze reinwerfen, die es sonst unter Menschen nicht gibt, wie z.B. dass man sich den Schweif einklemmen kann. Ich war den Tierwesen schon immer sehr viel mehr hingezogen.

Außerdem habe ich durch die Charaktere mehr Spielraum, was Diversität der Characterdesigns betrifft. Das einzige, was in Myre nicht vorkommt, sind anthropomorphe Drachen dieser Form. Es gibt massive Drachen, jedoch sind sie ihre komplett eigene Spezies. Myre selbst ist vom Bild an einen afrikanischen Mähnenwolf angelehnt anstelle eines Fuchs. Mir hat die Ästhetik und die grazile Schlankkeit schon immer gefallen, und es gab seit Beginn kein anderes Bild oder Spezies, die ich mir für sie erdacht hätte.

 

Anmerkung der Redaktion: Ich gebe zu, ich dachte wirklich immer Myre sei eine Füchsin, auch wegen des Namens. Irgendwie klang mir "Myre" wie eine Art Anlehnung an diverse Fabeln, die Füchse beinhalteten. Aber den Mähnenwolf kannte ich auch noch nicht. Nach einer kurzen Recherche muss ich sagen: Wow, ist das gut getroffen! Und hätte ich den Mähnenwolf schon vorher gekannt, wärs wirklich augenfällig gewesen. Echt genial. Und: Ich habe hierdurch noch was lernen dürfen, deshalb schon mal danke.

Foto eines Mähnenwolfs. Bildrechte: AndrewIves, Public domain, via Wikimedia Commons
Wie kamst du auf das Drachendesign von Varug? Gab es da vllt spezielle Inspirationen?

Da ich vom ästhetischen Aspekt her Anordnungen von Mustern total liebe, bin ich vor langer Zeit auf die Gürtelechse (Armadillo girdled lizard) gestoßen, die ein bisschen an ein Gürteltier erinnert. Dann gibt es noch Windhunde und schlanke Pferderassen, die mich nach und nach zum Design von Varugs Körper inspiriert haben.

Da sie zu einer speziellen Drachenspezies gehört, bei der der Sexualdimorphismus stark ausgeprägt ist (heißt: Männchen sehen anders aus als Weibchen), ist sie zu Fuß agil. Sie kann extreme Klippen erklimmen und Hindernisse überwinden, die sonst kein Tier erreichen könnte. Die Männchen hingegen haben Flügel und sind auf andere Weise wendig. Evolutionstechnisch ist das total wild, aber genau dieses Konzept möchte ich bald stärker in mein Worldbuilding einbauen.

Dass Varug so gut klettern kann, habe ich mir von der Gämse abgeschaut, einer Ziegenart, die fast schwerelos an steilen Hängen entlang steigt. Daher hat Varug auch ihre typischen Paarhufe. Der spitze Schnabel und die Reihen winziger Zähne sind kleine Todesfallen für jede Art von ...Mahlzeiten, egal was, Hauptsache Nahrung. Myre und Varug hatten schon öfter Auseinandersetzungen, wenn es um die Aufteilung ihrer Speisen ging.

Zu guter Letzt war ich schon immer fasziniert von der Biolumineszenz in Pilzen und Tieren, also der Fähigkeit, durch bestimmte Metaboliten und chemische Reaktionen im Körper zu leuchten. Bei Varug habe ich diesen Effekt natürlich übertrieben und als eine Art Lampe ihrer Emotionen eingesetzt. Ist sie aufgeregt, leuchtet sie kräftiger als sonst. Auch Freude lässt sie heller leuchten. Um das zu unterscheiden, spielen ihre Augen eine wichtige Rolle. Ich habe sie sehr emotional gestaltet, obwohl sie ein sehr steifes Gesicht hat.

Wie gehst du allgemein an Charakterentwicklung heran? Erstellst du dir z.B. quasi eine Biographie oder ähnliches zu Hauptcharakteren, um deren Charakterisierung und Handlungsweisen authentischer umsetzen zu können? Wie entscheidest du, wer welches Tier sein wird?

Zuerst gehe ich nach Gefühl und Stil. Früher war es immer so ein „Boah, die Idee im Kopf sieht geil aus! Die will ich malen!" während ich heute schon fast einen Dialog mit den Charakteren eingehe. Ich frage mich dann tatsächlich, warum sie da sind und woher sie kommen, wie ihr Alltag aussieht und wie sie zu bestimmten Aspekten ihrer Kleidung gekommen sind.

So kann ich auch eine nachvollziehbare Entwicklung der Figuren kreieren, falls die Designs mal total aus dem Rahmen fallen. Je nachdem, was die Charaktere durchgemacht haben oder was sie zu dem geformt haben, was sie in der Story sind, entwickle ich ihr Aussehen. Das passiert oft schon im Kopf, aber aktives Design und Experimentieren passiert dann auf der Leinwand.

Wie gehst du an Worldbuilding und Handlungsaufbau heran? Hast du bereits eine relativ genaue Vorstellung der Handlung und der Welt, in der sie spielt, oder baut sich das alles erst während des Entwicklungsprozesses nach und nach auf, so dass du am Ende selbst überrascht bist, was hier im Endprodukt entstanden ist?

Ich kann mir vorstellen, dass der Prozess für alle Autor*innen relativ ähnlich ist. Bei mir ist es auf jeden Fall so, dass ich viele unterschiedliche Eingebungen zur Story habe. Ich nenne das „Ziele“ oder „Peaks“, die ich unbedingt sehen will. Das können Ziele, epische Momente, Feinde oder Veränderungen in Myres Reise sein. Das Wichtigste ist nur, dass all diese Ziele und Vorstellungen einen richtigen Pfad bekommen.

Das kann manchmal kompliziert sein, weil ich als Künstlerin gerne alle Peaks am liebsten gleichzeitig darstellen möchte. Ganz oft wurden mein Co-Autor Nico und ich natürlich auch im Entwicklungsprozess überrascht, sodass wir Ideen verwerfen und umschreiben mussten.

Myre ist ja unglaublich detailreich gezeichnet, sehr lebendig und dynamisch. Ich nehme an, das wurdest du deshalb schon häufiger gefragt, einfach weil es etwas auf der Hand liegt aufgrund der Qualität deiner Zeichnungen: Könntest du dir vorstellen, Myre auch als Animationsfilm umzusetzen im Stil von Pixar und Co.? Oder vllt als Videospiel, was ja inzwischen auch sehr cineastisch inszeniert werden kann?

Beides wäre richtig traumhaft! Ich wäre eher zu einem Open-World-Game hingezogen als zu einem Animationsfilm. Je immersiver die Welt ist, desto mehr können Spieler*innen entdecken.

Es könnten so viele Interaktionen und Details eingebaut werden, die im Comic keinen Platz finden. Wenn man als Myre mit Varug durch die Wildnis reiten und Quests erledigen könnte, und das im Stil eines leichten Fantasy-Survivals mit Storyline, wäre das großartig. Ich denke, ich würde darin versumpfen.

 

Anmerkung der Redaktion: WIR FANS AUCH! Wär der Oberhammer, wenn man diese Welt, deine kreativen Ideen und die vielen coolen Talente eines Entwicklerstudios vereinen könnte. Ein Myre Game wär ein Traum. Könnt da nicht wenigstens mal ein cooles Indie-Studio anbeißen? ^.^

Fast zuletzt noch die Frage: Egal was man macht, es wird nie allen gefallen. Wie gehst du mit Kritik um - positiver und negativer?

Beides, negativ wie positiv, hat für mich Wert. Ich bekomme auf die Stories von Myre und Haunter of Dreams eigentlich nur positive Kommentare. Ich schätze das wirklich sehr und kann es manchmal gar nicht fassen. Ganz früher gab es mal Kritik dazu, dass Myre raucht...aber wir wissen ja, wohin sich die Story entwickelt. :)

Ich finde, dass auch negative Kommentare ihren Stellenwert haben, wenn sie konstruktiv sind. Ich lasse mich jedoch von keinem so beeinflussen, dass ich die Story ändern würde.

Schlimmer wäre es, wenn gar keine Reaktionen kämen. Dann müsste ich mir einen anderen Plan machen.

Und als letzte Frage: Hast du bereits den Oscar gekrönten Animationsfilm “Flow” gesehen, der ja fantastischerweise von Gints Zilbalodis fast alleine in der Open Source Software Blender erstellt wurde und komplett ohne Dialoge auskommt? Falls ja, wie fandest du ihn?

Den habe ich noch nicht gesehen, aber ich setze ihn auf meine Liste. Vielen Dank für den Vorschlag. :)

 

Anmerkung der Redaktion: Falls dies noch jemand interessiert, aber noch nicht kennt - hier der Trailer dazu:

 

 

Vielen Dank für dieses unglaublich tolle Interview, Claudya. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit Myre und allen weiteren Projekten, die bei dir noch anstehen. Ich persönlich freue mich schon sehr darauf, irgendwann dann die Fortsetzung zu Myre lesen zu können und ich glaube, da werde ich bei Weitem nicht die einzige sein.

Myre 2

Meinen Leser*innen, die jetzt vielleicht angefixt oder wenigstens neugierig sind, die generell ein Herz für Kunst haben und sich genau wie ich in detailverliebten Zeichnungen verlieren können, kann ich nur den Tipp geben: Schaut bei Claudya auf der Website oder in ihrem neuen Displate Shop vorbei. Ihre Graphic Novels zu Myre oder Haunter of Dreams findet ihr auch in jedem gut sortierten Buchladen oder bespielsweise auf Amazon.

Aus Transparenzgründen sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass keiner der hier verwendeten Links "affiliate Links" oder ähnliches sind, und die erwähnten Comic-Bücher habe ich selbstverständlich regulär gekauft (Myre 2 sogar während der Kickstarter Kampagne).

DANKSAGUNG

Ein besonderer Dank geht an meine Freundin Nastja (auf Twitter bekannt als @Nastja_the_Mox), die mir überhaupt die Motivation gab, dieses Interview zu führen und mir auch bei der Artikelerstellung mit Ratschlägen beiseite stand. Vielen Dank, meine Schöne!

Wer ist Nastja?

Findet es heraus und besucht sie auf ihrem Blog, auf dem Sie u.a. Literaturrezensionen und verdammt gut geschriebene Kurzgeschichten (Fanfiction) im Cyberpunk 2077 Universum veröffentlicht. Auch immer zu empfehlen: Folgt ihr unbedingt auf Twitter (X)! Ihr Kanal strotzt vor Originalität und Kreativität und wird euch sicher bestens unterhalten können. Schaut bei ihr vorbei.

Blog-Website von "Nastja, die Mox": https://www.blogging-mox.ch/
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