Fabelwesen und ihre Herkunft - Teil 1: Drachen

Fabelwesen und ihre Herkunft - Teil 1: Drachen

In meiner neuen Beitragsreihe "Fabelwesen und ihre Herkunft" werde ich versuchen den tatsächlichen, möglichst wissenschaftlich belegten Ursprüngen auf den Grund zu gehen und die Geheimnisse rund um verschiedene Fabelwesen zu lüften und zu hinterfragen, die durch Literatur, Film, Fernsehen und Videospielen bis heute präsent sind und uns Menschen noch immer faszinieren. Im ersten Teil der Reihe widme ich mich den Herren der Lüfte: Den Drachen. Wo kommen Sie her? Wieso üben sie eine so große Faszination auf uns aus? Gab es sie vielleicht wirklich - oder könnte es sie sogar heute noch geben?

Ich glaube jeder Fantasy-Liebhaber kennt sie: Die Drachen. Ob nun aus Game of Thrones, Tolkiens „Der Hobbit“, aus der Nibelungensage um Siegfried dem Drachentöter oder aus verschiedenen Mythen, Legenden und Märchen: Seit Menschengedenken ziehen diese mysteriösen Fabelwesen uns in ihren Bann und beflügeln unsere Fantasie. Über mehrere Epochen hinweg beeinflusste der Drache verschiedenste Kulturen, die auf dem gesamten Erdball verstreut sind und teilweise kaum bis gar keine Berührungspunkte haben konnten. Dass sich sogar Drachendarstellungen mehrerer Kulturen ähneln, obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten beheimatet sind, gibt heute noch Forschern Rätsel auf. Wie kann sowas sein? Ist es am Ende doch so, dass diese majestätische Kreatur einst die Lüfte beherrschte?

Gab es Drachen denn wirklich? Was wissen wir bis jetzt über ihre mögliche Herkunft?

Die Recherche nach tatsächlichen Fakten über Drachen, war wie erwartet gar nicht so einfach. Gibt man den Begriff auf Google oder Youtube ein, erschlagen einen zwar die Suchergebnisse, jedoch darunter mythologische oder gar zoologische Ursprünge herauszufiltern, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußen, erweist sich als ziemlich schwierig. Einige sog. Dokus waren für mich eher unbefriedigend, weil sie nur wenig neue Informationen enthielten. Einige andere Dokus waren sogar eher Fantasy-Filme die sich gekonnt als Dokumentationen getarnt hatten, was zwar ganz interessant anzusehen aber für meine Zwecke hier nicht sehr hilfreich war. Aber ich bin ja ein sturer kleiner Nerd, der sich nicht scheut auch mal tiefer zu graben. Ok, dann fangen wir mal an und schöpfen eine große Kelle Wissens-Rahm von der ersten Schicht des Recherche-Sumpfes. Los geht’s…

Die Frage, ob es Drachen gab, hat Wissenschaftler tatsächlich schon sehr lange beschäftigt. Im Mittelalter ging man sogar noch davon aus, dass es sich um real existierende Tiere handeln müsse, weshalb die Drachen auch in Bestiarien, Tierbüchern und anderen naturwissenschaftlichen Werken beschrieben wurden. Beweise für ihre Existenz gab es allerdings nicht, weshalb mit der Zeit mindestens stark angezweifelt und eigentlich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen wurde, dass es Drachen jemals tatsächlich gab. Wie sich allerdings der Mythos um die meist geflügelten, Feuer speienden Reptilien trotzdem entwickeln und über so lange Zeit halten konnte, war weiterhin unklar.

Einige Forscher gehen davon aus, dass der Drachenmythos einfach auf frühe Fossilienfunde von Urzeittieren zurückzuführen sein könnte. Dies konnte auch in Teilen nachgewiesen werden, da gefundene Skelettreste von Höhlenbären und Wollnashörnern tatsächlich einzelne Drachensagen beeinflusst haben sollen. Wenn Menschen also z.B. Knochen eines T-Rex oder Flugsauriers wie z.B. eines Pteranodons fanden und aufgrund noch mangelnder wissenschaftlicher Kenntnisse annahmen, dass dieses Ungeheuer noch lebende Verwandte haben und diese Feuer speien könnten, wäre das sicher ebenfalls für diverse Drachenvorstellungen verantwortlich und es würde erklären, warum sich viele Darstellungen verschiedener Kulturen ähneln. Dinosaurierknochen sind ja bekanntlich überall auf der Welt zu finden. Und wenn ich mir so einen T-Rex Schädel vorstelle, kommt das zumindest den gängigen westlichen Drachen schon sehr nahe, finde ich.

Kopf eines Tyrannosaurus Rex (T-Rex) Skelettes
Kopf eines Tyrannosaurus Rex Skelettes
© 2853469 auf Pixabay

Wenn ich mir nun weiter vorstelle, dass ich ein Mensch aus der Antike oder auch aus dem Mittelalter bin, dann würde mich ein solcher Fund bestimmt erstmal leicht in Panik versetzen. Wenn dann noch die menschliche Fantasie gepaart mit regionalem Aberglauben dazu kommt, ist man sicher schnell beim Drachen angelangt. Aber hier sind wir schon beim hauptsächlichen Knackpunkt: Fossilienfunde allein, reichen laut aktuell vorherrschender wissenschaftlicher Meinung leider nicht aus, um den weltweit verbreiteten Drachenkult zu erklären. Vereinzelt hat es zwar vermutlich einen Einfluss darauf ausgeübt, aber ohne den Volksglauben als weitere Komponente reicht es nicht aus um den Mythos zu erklären. Und einige Drachendarstellungen sind auch nur schwer auf Funde von z.B. Dinosaurierknochen zurückzuführen, dafür sind zu viele andere Tiere in das Mischwesen eingegangen, die das Erscheinungsbild prägten. Dazu dann aber später mehr.

Andere Forscher versuchten den Ursprung hingegen mit geologischen Phänomenen zu erklären. Es gibt ja durchaus etliche Gesteinsformationen die Drachen ähneln und dadurch die menschliche Fantasie anregen könnten. Das hat z.B. auch Walter Hansen allgemein mit der germanischen Mythologie versucht und war damit recht erfolgreich. Sein Buch „Asgard - Eine Reise in die Götterwelt der Germanen“ zeigt in sehr schönen Fotografien und bildhaften Beschreibungen, wie die real vorhandenen Landschaften, geologischen Phänomene und Naturschauspiele Islands die Sagenwelt der damaligen Verfasser der Völuspa bzw. Edda (quasi so etwas änliches wie die Bibel der Germanen) beeinflusst und geprägt haben könnten. Sehr empfehlenswert, falls ihr es noch nicht kennt. Und ganz ähnlich könnte es auch mit Drachen gewesen sein – überall auf der Erde.

Beispiel einer drachenähnlichen Felsformation – fotografiert in Schottland
Beispiel einer drachenähnlichen Felsformation – fotografiert in Schottland
© Frank Winkler auf Pixabay

Aktive, "Feuer speiende" Vulkane gab es auch in vielen Regionen der Welt und in jeder Zeitepoche. Einerseits sind Gebiete um Vulkane sehr fruchtbar und bieten viele Bodenschätze wie z.B. Gold oder Diamanten, andererseits ist ein Vulkanausbruch eine folgenschwere Katastrophe. Manche Forscher vermuten, dass Drachen als Schutz erfunden wurden, um andere Menschen von den reichen Bodenschätzen rund um Vulkane fernzuhalten. Deshalb vielleicht auch die Vorstellung, dass Drachen auf unermesslich großen Schätzen aus Gold und Edelsteinen saßen, um diese zu beschützen. Andere vermuten eher, dass frühzeitliche Naturreligionen das Ereignis eines Vulkanausbruchs, der ja bekanntlich verheerende Folgen nach sich zieht und ganze Ernten und Lebensräume zerstören kann, aufgrund von mangelndem Verständnis für Naturereignisse diese dem Wirken übernatürlicher, göttlicher oder dämonischer Mächte zuschrieben, wie z.B. eben Drachen. Das ist durchaus möglich, weil die frühen Kulturen stark von den Gaben der Natur und dessen Wohlwollen abhängig waren. Ein Wesen das solche Katastrophen beherrscht, ist sehr viel leichter zu begreifen und zu besänftigen, als die unkontrollierbare Willkür der Natur. Beide Theorien könnten natürlich eine Art Geburtshelfer für den Drachenmythos gewesen sein. Und in vielen Fällen wird das auch tatsächlich zutreffen, weil es relativ plausibel ist, aber leider erklärt es längst nicht alles rund um die Drachen und deren Ursprung. Also ist auch das nicht der Weisheit letzter Schluss und lässt Forscher und Wissenschaftler trotzdem immer noch mit offenen Fragen zurück.

Vulkanausbruch: Feuer speiender Vulkan und fließende Lava
Vulkanausbruch: Feuer speiender Vulkan und fließende Lava (Bárðarbunga bzw. Bardabunga, Island)
© jmarti20 auf Pixabay

Da die Menschen immer mehr in der Welt herumkamen und einen starken Forscherdrang entwickelten, kam es auch dazu, dass Zoologen immer mehr real existierende Reptilien oder Amphibien fanden, die große Ähnlichkeit mit Drachen hatten, was neue Theorien und Spekulationen anfachte. Sehr gute Beispiele dazu fanden sich u.a. auf den Galapagos Inseln: Die Meeresechsen und Landleguane. Zwar erreichten diese Reptilien nicht ansatzweise die Größe der mythischen Wesen oder besaßen deren Fähigkeiten, wie zu Fliegen oder Feuer zu speien, aber es war offenbar ein Anfang. Als dann auch noch kleine ca. 20 bis 26 cm große Reptilien mit Flughäuten gefunden wurden (z.B. Draco volans Linnaeus bzw. der „gemeine Flugdrache“, 1758), die zwar selbst nicht fliegen, sondern nur von Baum zu Baum gleiten konnten, keimte wohl der Gedanke auf, dass es vielleicht möglich wäre, dass eines Tages doch ein „richtiger“ Drache gefunden werden könnte. Nur wie und wo?

Portrait eines Leguans
Portrait eines Leguans
© skeeze auf Pixabay

Licht ins Dunkel versucht ein relativ neuer und umstrittener Wissenschaftszweig zu bringen: Die Kryptozoologie. Bis heute versuchen sog. "Kryptozoologen" der Frage "Gab es Drachen tatsächlich?" auf den Grund zu gehen. Jetzt fragt ihr euch sicher 'krypto-bitte-was?! Hä?! Hab ich ja noch nie gehört! Was soll das denn sein?" Keine Sorge, mir ging das ähnlich. Kryptozoologie ist eine bislang nicht anerkannte quasi "Untergruppe" der Zoologie und wird von Außenstehenden als Pseudowissenschaft eingeordnet. Nichtsdestotrotz existiert sie unter diesem Begriff bereits seit ca. 1940. Sie befasst sich mit dem Versuch die Existenz von Tieren bzw. Wesen nachzuweisen, zu denen es bislang nur Mythen, Sagen, Legenden, Augenzeugenberichte, Fußspuren etc. gibt. Sie gehen davon aus, dass diese Überlieferungen möglicherweise auch einen wahren Kern haben könnten. Grob kann man sagen, dass sich die Kryptozoologie u.a. wie folgt unterteilt: Drakologie (Drachen), Dracontologie (Seeungeheuer), Hominologie (z.B. Yetis und alles Affenähnliche) und Mythologische Kryptozoologie (Entstehungsgeschichte von Fabelwesen). Ja, ihr habt richtig gelesen: Es gibt eine spezielle Untergruppe der Kryptozoologie, die sich explizit mit Drachen beschäftigt. Warum es zwei Begriffe dafür gibt, die letztlich dasselbe bedeuten, aber jeweils leicht andere Wesen im Fokus haben, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Aber die Drakologie ist dann wohl die (Pseudo-)Wissenschaft der Drachen. Die "Drakologen" gehen dabei vermutlich vor wie Detektive und sichten mythologische Aufzeichnungen, die von Archäologen gefunden wurden, paläontologische Funde und vielleicht auch mögliche Augenzeugenberichte bzw. Sichtungen in der Neuzeit und prüfen das Material auf Authentizität, Übereinstimmungen, Hinweisen auf mögliche, neue Erkenntnisse etc. Auch begeben sie sich auf die Suche nach möglichen „Nachfahren“ der Drachen, nach noch unbekannten Reptilienarten auf der ganzen Welt. Also die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen, würde ich vermuten. Bestimmt sehr spannend, aber auch sehr frustrierend, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit jede Spur (zumindest bisher) in eine Sackgasse führte.

Einige dieser Kryptozoologen haben aber trotzdem Theorien zum Ursprung der Drachen entwickelt. Manche vermuten wohl, dass Drachen mit Dinosauriern zusammengelebt haben oder deren direkte Nachfahren sein könnten. Damit wären sie selbst real existierende prähistorische Wesen. Möglicherweise haben dann diese Urzeittiere den Meteoriteneinschlag ähnlich wie Krokodile und andere Tiere aus prähistorischer Zeit überlebt und lebten zumindest eine Weile mit Menschen zusammen, was dann zu der Entstehung der Mythen und Legenden geführt haben könnte. Die kühnsten Spekulationen schließen nicht aus, dass manche Exemplare auch heute noch leben könnten und wir nur deshalb noch keine gesichtet haben, weil diese Regionen der Erde noch unerforscht sind und sie somit im Verborgenen hausen. Also sozusagen wie in Arthur Conan Doyle’s Werk "Lost World" (Vergessene Welt) oder ähnliches. Nunja. Bis jetzt haben diese Theorien noch nicht das Stadium der Spekulation und Mutmaßung verlassen können. Und auch wenn immer mal wieder, ganz ähnlich wie bei UFOs auch, angebliche Sichtungen mit verwackeltem Bewegtbildmaterial die Hoffnung anheizen, endlich ein lebendes Exemplar eines Drachen zu finden, bleiben handfeste Beweise Mangelware. Auch Fossilien von tatsächlichen Drachen konnten noch nicht gefunden werden. Demnach gibt es auch heute noch keinerlei seriöse und wissenschaftlich belegbaren Beweise für die tatsächliche Existenz von Drachen, wie wir sie uns aus Mythen und Legenden vorstellen - weder als ausgestorbenes Urtier, noch als im Verborgenen hausenden Überlebenden aus prähistorischer Zeit. Aber wer weiß: Vielleicht findet eines Tages jemand diese "Vergessene Welt" und zeigt der Wissenschaft den Finger. Denn alles ist möglich, nichts ist ausgeschlossen. Lassen wir uns einfach überraschen...

Fantasy-Darstellung eines Drachen in einem Urwald
Fantasy-Darstellung eines Drachen in einem Urwald
© Artie_Navarre auf Pixabay

Was wissen wir denn wirklich über Drachen? Welche Mythen und Legenden gibt es?

Das ist sind gute Fragen. Fangen wir jedoch erstmal klein an und steigern uns langsam – aber ich warne schon mal vor, dieser Abschnitt fällt etwas umfangreicher aus. Ich werde allerdings nicht alles, was ich recherchieren konnte in den Beitrag integrieren, weil das einfach den Rahmen sprengen würde. Der Beitrag ist so schon sehr lang geworden und ich will ja kein Buch verfassen, sondern „nur“ einen einfachen Blogbeitrag. Also verzeiht, wenn ich eine euer Meinung nach wichtige und interessante Mythologie über Drachen ausgelassen haben sollte. Ihr seid somit gewarnt worden. Also gut, dann fangen wir mal an.

Der Begriff "Drache" kommt ursprünglich aus dem altgriechischen (δράκων drakōn, wortwörtlich übersetzt "der starr Blickende") und wurde damals zur Bezeichnung ungiftiger Schlangenarten verwendet. Drachen als mythologische Sagengestalt oder religiöse Metapher für das Böse oder Göttliche wurden in vielen verschiedenen Kulturen auf dem gesamten Globus verteilt verehrt oder gefürchtet, je nachdem welche Bedeutung die Drachen für das jeweilige Volk hatten. Jede Kultur hat da nämlich ganz eigene Vorstellungen, auch wenn sich viele davon ähneln. Es gibt neben den uns bekannten westlichen Darstellungen z.B. auch orientalische, asiatische, amerikanische Darstellungen. Wobei mit "amerikanisch" einige Kulturen zusammengefasst werden: z.B. Azteken, Tolteken, Maya. Insgesamt geht man wohl von 23 verschiedenen ethnischen Gruppen aus, die Drachenmythen oder -sagen in ihrem Volksglauben eingebunden hatten.

Die älteste Drachendarstellung in unseren Breitengraden in Europa (nicht generell, denn es gibt weit ältere) ist sicherlich die Midgardschlange oder auch altnordisch Jörmungandr aus der Germanischen Mythologie, wobei sie weniger Drache als vielmehr Seeungeheuer ist. Sie wird auch „Weltenschlange“ genannt da sie sich, ähnlich wie die alchemistische Drachendarstellung Ouroboros, in den eigenen Schwanz beißt und somit einen Kreis bildet. Die Legende besagt, sollte sie jemals ihren Schwanz loslassen, würde die Götterdämmerung bzw. der Weltenbrand entfachen – auch bekannt als Ragnarök – was den Weltuntergang bedeuten würde. Eine weitere, vermutlich bekanntere Drachenfigur aus der europäischen Sagenwelt ist der Drache aus der Nibelungensage, der vermutlich Fafnir oder auch Fafner ist und ursprünglich aus der nordischen Völsunga saga stammt. Er stellt den typischen Drachen auf einem üppigen Goldschatz sitzend dar, der von einem mutigen und absolut selbstlosen (haha) Helden erschlagen wurde – Siegfried. Diese Darstellung, dass ein Held den bösen Drachen erschlug, zieht sich durch sehr viele Mythen, Legenden, Sagen und Märchen – nicht nur in nordisch-heidnischen oder später auch christlichen Überlieferungen, sondern auch auf der ganzen Welt und über viele Epochen hinweg. Jedoch besonders in den westlichen Mythen und Sagen wurden Drachen meist eher negativ besetzt und dämonisiert. Tapfere Ritter zogen aus um sich als Drachentöter einen Namen zu machen. Einige davon wurden später von der christlichen Kirche als Heilige verehrt, wie z.B. der heilige Georg.

Heiliger Georg, Wandgemälde am Schwabentor, Freiburg, Fritz Geiges
Heiliger Georg, Wandgemälde am Schwabentor, Freiburg, Fritz Geiges
© joergens.mi/CC BY-SA, Bild-Quelle

In anderen Volksgruppen wird der Drachenkampf eher als Teil der Schöpfungsgeschichte dargestellt. So z.B. auch in der babylonischen Religion der Kampf zwischen Marduk und der als gehörnte Schlange dargestellte Göttin Tiamat, was letztlich zur Erschaffung von Himmel und Erde führte. In anderen Schöpfungsmythen, in denen ein Drache die Rolle des übermächtigen Antagonisten einnimmt, bewirkt sein Tod, dass das Land fruchtbar und für Menschen bewohnbar wird.

Da sich die Handlungselemente rund um die Drachenerzählungen besonders in Bezug auf den erwähnten Drachenkampf vieler dieser Volksgruppen ähneln, geht die Wissenschaft von einem gemeinsamen Ursprung aus. Die sog. „Finnische Schule“ will diesen Ursprung im Südlichen Afrika gefunden haben, nachdem sie eine sog. phylogenetische Rekonstruktion (eine Methode aus der Evolutionsbiologie zur Bestimmung von Abstammung und Verwandtschaften) von insgesamt 69 Drachen-Motiven aus allen 23 verschiedenen ethnischen Gruppen durchgeführt hat. Demnach soll sich der Mythos durch Wanderungen ausgehend aus dem Süden Afrikas auf der ganzen Welt verbreitet haben. Ein Beweis für diese These sieht der Indologe Michael Witzel darin, dass die Drachenvorstellungen z.B. bezüglich Drachentötern auch in Polynesien und Hawaii existieren, obwohl es dort keine Großreptilien gibt. Warum das ein Beweis darstellen soll, weiß ich allerdings nicht, weil auch in Deutschland bekanntlich Sagen über Drachentöter existieren (z.B. der heilige Georg), obwohl es hier auch keine Großreptilien gibt – oder ist mir hier etwas entgangen? Auch weiß zumindest ich nicht, wie der Mythos über Ozeane hinweg überliefert werden konnte in so frühen Zeiten, in denen die Schifffahrt noch nicht für so lange Strecken ausgelegt war, nach aktuellem Kenntnisstand der Wissenschaft. Es sei denn, der Mythos ist tatsächlich so alt wie die Menschheit selbst und wanderte einfach mit, als die Kontinente noch zusammenlagen – aus der Wiege der Menschheit (also Afrika) in die Welt hinaus. Wobei das mit der ursprünglichen „Wiege der Menschheit“ auch schon wieder überholt zu sein scheint, denn 2017 wurden scheinbar Zähne von Urmenschen im Rheinhessischen, also Mainz, gefunden, die ca. 9,7 Millionen Jahre alt sein sollen und somit gut 4 bis 5 Millionen Jahre älter, als die Funde aus Afrika.

Sicher ist jedenfalls, dass die erste uns bekannte Drachendarstellung nicht auf dem afrikanischen Kontinent zu finden ist, sondern auf dem asiatischen, nämlich China. Die ersten Darstellungen gehen zurück auf die Shang-Dynastie (15. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) und symbolisierten zunächst nur die königliche Macht. Dabei muss man wissen, dass sich chinesische Kaiser oft selbst als Nachfahre der Drachen betrachteten und laut Überlieferung der Urkaiser und die Urkaiserin zur Hälfte dem Drachengeschlecht entstammen sollen. Also hat China seit jeher ein ganz besonderes Verhältnis zu Drachen, das vermutlich einzigartig auf der Welt ist. Der bekannteste und vermutlich wichtigste chinesische Drache ist Long oder auch Lung. Er ist ein Mischwesen, das sich aus 9 verschiedenen Tieren zusammensetzen soll:

  • Hörner eines Hirsches
  • Kopf eines Kamels
  • Ohren eines Ochsen
  • Augen eines Dämons oder Teufels
  • Hals einer Schlange
  • Hinterleib einer Muschel
  • Schuppen eines Karpfens
  • Klauen eines Adlers
  • Sohlen eines Tigers.
Darstellung des Drachen Long
Darstellung des Drachen Long
© Armaan Ismail auf Pixabay

Dem Drachen Long wird u.a. die Macht über das Wetter zugeschrieben und bestimmt die Jahreszeiten und die Ernte. Demnach hatte er unmittelbar das Leben der Menschen in seinen Klauen. Aber zum Glück wird er zumeist friedlich und den Menschen wohlgesonnen beschrieben, kann aber auch sehr wütend werden, was dann zu Naturkatastrophen und Dürre führt. Im Allgemeinen steht der chinesische Drache vor allem für Glück, Güte und Intelligenz. Eines der wichtigsten Feste Chinas ist das Drachenboot-Rennen, das seit über 2.000 Jahren abgehalten wird und u.a. auch dazu dienen soll den Drachen zu besänftigen.

Die erste uns bekannte Erwähnung eines Drachen auf dem afrikanischen Kontinent, der ja zumindest aus dessen Süden, der Ursprung aller Drachenmythen zu sein scheint, erfolgte Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. in der Uruk-Zeit, einer prähistorischen Epoche in Mesopotamien (vorderer Orient) in schriftlicher Form in Tempelaufzeichnungen. Etwas später dann, ca. 3.000 v. Chr., auch auf Rollsiegeln in bildlicher Form. Zeitgeschichtlich gesehen befindet sich diese Epoche der Uruk-Zeit zwischen der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum) und der Frühbronzezeit. Das ist also auch schon richtig, richtig lange her.

Schlangendrachen und Löwendrachen auf einem sumerischen Rollsiegel (Uruk-Zeit um 3000 v. Chr.)
Schlangendrachen und Löwendrachen auf einem sumerischen Rollsiegel (Uruk-Zeit um 3000 v. Chr.)
© Louvre Museum/Public domain, Bild-Quelle

Das, was man auf dem Rollsiegel erkennen kann, hat zwar optisch noch eher wenig mit den Drachen, die wir kennen zutun, aber es sind tatsächlich sogar zwei verschiedene Drachen zu sehen: Löwendrachen (Mischwesen aus Löwe und Vogel) und Schlangendrachen. Ich persönlich finde, dass diese Drachen eventuell Ähnlichkeiten mit einem Brontosaurier und einem Archäopteryx haben könnten. Aber das ist nur meine persönliche, unwissenschaftliche Sicht der Dinge. Die Drachen aus der Uruk-Zeit sind jedenfalls übernatürliche Mischwesen, die weder Götter noch Dämonen sind und zumindest teilweise auch als Beschützer angesehen wurden. Das unterscheidet sie zumindest von den meisten Drachenvorstellungen des Westens.

Wie bereits erwähnt, werden Drachen längst nicht in jeder Kultur dämonisiert und gefürchtet: In manchen Kulturen wird die Drachengestalt z.B. auch als Gott verehrt. Ein gutes Beispiel dafür ist Kukulkan, die gefiederte Schlange. Sie wurde bei den Maya als Gott der Auferstehung und Reinkarnation verehrt. Außerdem ist er auch ein Gott der vier Elemente (Wasser, Erde, Feuer, Luft), wobei jedes Element bei den Maya für ein Tier oder eine Pflanze steht: Luft – der Geier, Feuer – die Eidechse, Erde – der Mais, Wasser – der Fisch. Diese gefiederte Schlange tauchte außerdem zuvor in Toltekischen und Aztekischen Mythen als Quetzalcoatl auf, nach dem auch der bislang größte uns bekannte Flugsaurier benannt ist: Der Quetzalcoatlus mit einer beeindruckenden Flügelspannweite von 11 bis 13 m. Eine Besonderheit des Quetzalcoatl im Vergleich zu anderen Drachenmythen ist, dass er auch in menschlicher Gestalt in aztekischen Codices als ein bärtiger, hellhäutiger Mann in abstrahiert-menschlicher Weise dargestellt wird. Irgendeine verlässliche Quelle für die Datierung des Ursprungs dieses Drachenmythos konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Die Codices scheinen z.B. alle erst nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert entstanden zu sein, wohingegen diverse Pyramiden und andere Bauwerke weit früher zu datieren sind. Die Darstellung des Quetzalcoatl als gefiederte Schlange ähnelt sehr asiatischen Drachendarstellungen z.B. dem chinesischen Drachen „Long“. Warum das so ist, ist bis heute nicht geklärt. Es gibt aber Forscher die darin ein Beweis sehen, dass es wohl doch schon früher transpazifische Beziehungen zwischen Amerika und Asien bzw. China gab. Belege dafür gibt es allerdings keine. Oder vielleicht ist es auch ein weiterer „Beweis“ für die Theorie der Überlieferung durch frühe Völkerwanderung…?

Der Drache Quetzalcoatl als gefiederte Schlange im Codex Telleriano-Remensis
Der Drache Quetzalcoatl als gefiederte Schlange im Codex Telleriano-Remensis
© Unknown author/Public domain, Bild-Quelle
Teotihuacán – Kopf der Federschlange
Kopf der Federschlange (Tempel von Quetzalcóatl, Teotihuacán, Mexico)
© Jami Dwyer/CC BY-SA, Bild-Quelle

Zum Abschluss dieses doch sehr lang gewordenen Abschnitts, noch eine kleine architektonische Exkursion, die ebenfalls Bezug zu Drachen hat: Ein sehr imposantes Bauwerk der Maya das dem Gott Kukulcan geweiht ist. Dieses findet sich auf der Halbinsel Yucatan (Mexico), wird ca. auf das Jahr 660 bis 1.050 n. Chr. geschätzt, ist 30 m hoch und zählt insgesamt 365 Treppenstufen. Die Rede ist von der Pyramide des Kukulcan. Ich habe dieses Bauwerk für den Artikel ausgewählt, weil mich die architektonische Leistung sehr beeindruckt. Nicht nur, dass jedes Jahr zu selben Zeit, nämlich der Tagundnachtgleiche (21. März und 21. September), der Schatten der Pyramidenkanten an der Nordseite aussieht, als würde sich eine Schlange die Pyramidenstufen herauf- oder herabschlängeln, nein, auch diverse akustische Phänomene, die zur Verehrung von heiligen Tieren und Elementen dienten, konnten hier bestaunt werden. So ist der Ruf eines Quetzal-Vogels zu hören, klatscht man vor den Treppenstufen in die Hände. Klatscht man hingegen in Mitten des Ballspielplatzes, hört sich das Echo an wie das Gebrüll eines Jaguars. Schritte einer Person am oberen Treppenende klingen für Personen, die sich noch am Fuß der Treppe befinden wie fallende Regentropfen. Also ich war von dieser Detailverliebtheit und dieser unglaublichen Leistung fasziniert, ich hoffe euch geht es ähnlich.

Pyramide des Kukulcan
Pyramide des Kukulcan (Chichén Itzá, Mexico)
© Daniel Schwen/CC BY-SA, Bild-Quelle
Herabsteigende Schlange am 21. März 2009 der Pyramide des Kukulcan
Herabsteigende Schlange am 21. März 2009 der Pyramide des Kukulcan (Chichén Itzá, Mexico)
© ATSZ56/Public domain, Bild-Quelle

Weiterführende Literatur und Informationen zum Thema Drachen

Hier liste ich u.a. Bücher auf, die zum einen die mythologischen Hintergründe näher beleuchten und zum anderen interessante Illustrationen von Drachen zeigen, die eine Art Drachen-Studie darstellen. Darunter sind zum Teil mehr oder minder wissenschaftliche Abhandlungen, die sich u.a. mit den mythologischen Figuren und deren möglicher Herkunft befassen. Ich versuche vornehmlich deutschsprachige Literatur hier aufzulisten, da ich deren Inhalt am besten beurteilen kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es zu den meisten hier aufgelisteten deutschsprachigen Werken auch eine englischsprachige Ausgabe.

Hinweis: Die Amazon-Links sind keine Affiliate-Links oder dergleichen (ich verdiene also nichts daran oder so) und dienen lediglich dazu, euch die Suche nach dem Buch so einfach wie möglich zu gestalten.

  • Einhorn, Phönix, Drache: Woher unsere Fabeltiere kommen
    deutschsprachig, von Josef H. Reichholf (Autor) – Amazon DE
  • Lexikon der Tiersymbolik: Mythologie.Religion.Psychologie
    deutschsprachig, von Clemens Zerling (Autor) – Amazon DE
  • Atlas der Fabelwesen: Sagen, Legenden, Mythen aus aller Welt
    deutschsprachig, illustriert, von Sandra Lawrence (Autorin), Stuart Hill (Autor, Illustrator) – Amazon DE
  • Bestiarium: Das Tier in mittelalterlichen Handschriften
    deutschsprachig, illustriert, von Christian Heck (Autor), Rémy Cordonnier (Autor)– Amazon DE
  • Von Drachen, Yetis und Vampiren. Fabeltieren auf der Spur.
    deutschsprachig, von Harald Gebhardt (Autor), Mario Ludwig (Autor) – Amazon DE
  • Rosen, B: Mythical Creatures Bible: The Definitive Guide to Legendary Beings
    englischsprachig, illustriert, von Brenda Rosen (Autorin) – Amazon DE
  • Dracopedia Field Guide: Dragons of the World from Amphipteridae through Wyvernae
    englischsprachig, illustriert, von William O'Connor (Autor) – Amazon DE

Hier einige interessante Zeichen-Anleitungen von William O’Connor für (angehende) Fantasy-Illustratoren (allesamt englischsprachig und logischerweise illustriert)

  • Dracopedia The Bestiary: An Artist's Guide to Creating Mythical Creatures – Amazon DE
  • Dracopedia: A Guide to Drawing the Dragons of the World – Amazon DE
  • Dracopedia Legends: An Artist's Guide to Drawing Dragons of Folklore – Amazon DE
  • Dracopedia The Great Dragons: An Artist's Field Guide and Drawing – Amazon DE

Fantasy-Literatur für Drachen Fans, die man (meiner Meinung nach) kennen sollte oder die ich einfach empfehlenswert finde, darunter Romane und Comics bzw. Graphic Novels (allesamt deutschsprachig, Reihenfolge bildet keine Wertung ab)

  • Der Hobbit
    Roman, von J.R.R. Tolkien (Autor) – Amazon DE
  • Das Vermächtnis der Drachenreiter: Eragon
    Roman, von Christopher Paolini (Autor) und Joannis Stefanidis (Autor) – Amazon DE
  • Lady Trents Memoiren 1: Die Naturgeschichte der Drachen
    Roman, von Marie Brennan (Autorin) – Amazon DE
  • Game of Thrones
    von George R.R. Martin (Autor) – Amazon DE
  • Feuer und Blut - Erstes Buch: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros
    von George R.R. Martin (Autor) – Amazon DE
  • Myre – Die Chroniken von Yria
    Comic, von Claudya Schmidt (Autorin & Illustratorin), Davis Matt (Autor) – Amazon DE
  • Die Legende der Drachenritter
    Comic, von Ange (Autor), Roberto Viacava (Illustrator) – Amazon DE
  • Ich, der Drache
    Comic, von Juan Gimenez (Autor) – Amazon DE
  • Dynastie der Drachen
    Comic, von Emmanuel Civiello (Autor), Hélène Herbeau (Autor) – Amazon DE

Deutschsprachige Dokumentationen, die teilweise auch als Quellen zum Artikel verwendet wurden

Deutschsprachige Quellen zum Artikel und weiterführende Infos zum Thema Drachen, die kostenfrei im Internet verfügbar sind

Bildnachweise

  • Titelbild
    © Josch13 auf Pixabay
  • Alle weiteren Bildnachweise werden direkt unter dem jeweiligen Bild im Artikel angegeben.

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Nerderlei Autorin Anne
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Anne

Seit 1984 ist Anne ein Vollblut-Nerd und schreibt seit 2017 ihre Gedanken zu nerdigen Themen nieder. Seit Juli 2018 ist sie Autorin des Blogs Nerderlei bei dem es u.a. um Filme, Videospiele, Comics und Romane der Genres Science-Fiction, Cyberpunk und Fantasy geht, sich aber auch mit Technikneuheiten (z.B. künstliche Intelligenz oder Virtual Reality) und Merchandising-Artikel befasst. Dazu gibt es jeweils Reviews, Blogbeiträge bzw. Meinungsartikel und News. Besonders im Fokus werden dabei u.a. folgende Marken stehen: Disney, Star Wars, Star Trek, Marvel, DC. Weitere Informationen zum Blog oder zum Nerderlei-Werdegang der Autorin findest du hier.

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